Mit Antibiblioteca stellt Alessandro Michele eine scheinbar wenig kommerzielle Frage: Kann ein Kleidungsstück schon einen Wert haben, bevor es getragen wurde?
Ungelesene Bücher nehmen mitunter mehr Raum ein als jene, die man kennt. Für Antibiblioteca, seine Kollektion Frühjahr-Sommer 2027, macht Valentino aus diesem Vorrat eine Denkweise über Mode. Im von Alessandro unterzeichneten Text greift das Haus die Antibibliothek von Nassim Nicholas Taleb auf, die aus der Bibliothek von Umberto Eco entwickelt wurde.
Eine Garderobe des Möglichen
Das Prinzip feiert nicht die Anhäufung um ihrer selbst willen. Die noch geschlossenen Bände erinnern an das, was noch zu entdecken bleibt. Michele überträgt diesen Gedanken auf Kleidung: Manche Stücke werden über den Laufsteg gehen, andere in Fotografien, Erinnerungen oder Garderoben fortbestehen, in denen sie nur selten getragen werden.
Ihr Interesse beschränkt sich demnach nicht auf ihren Gebrauch. Sie bilden ein Repertoire an Formen und möglichen Arten, einen Körper zu bewohnen. Die Show wird zum Ort, an dem diese Möglichkeiten vor jeder Kaufentscheidung wahrnehmbar werden.
Das Begehren gegenüber dem Gebrauch
Diese Haltung beleuchtet einen Widerspruch des Luxus. Ein Stück kann im kollektiven Imaginären zählen, ohne zum Alltagsgegenstand zu werden. Seine Existenz im Bild kann zudem zum Begehren nach einer ganzen Kollektion beitragen. Doch diesen kulturellen Wert anzuerkennen, entbindet nicht davon, die Präzision eines Schnitts, die Notwendigkeit einer Form oder die Herstellungsbedingungen zu prüfen.
Antibiblioteca bietet somit einen Leserahmen, keinen automatischen Erfolgsbeweis. Ihr Interesse liegt in der Frage, die sie offenlässt: Was lässt uns ein Kleidungsstück imaginieren, jenseits der Person, die wir im Tragen wären?
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