Fleurs de Reine, das Porträt, das Bonnard nie malte

by PASCAL IAKOVOU
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1908 komponiert ein Parfümeur aus Grasse einen maßgeschneiderten Duft für die Frau eines Malers, der von ihr besessen ist. Ein Jahrhundert später gelangt dieses Parfum neben den Gemälden, die es nie gezeigt haben, ins Museum.

Ein Auftrag unter Freunden

1908 komponiert Julien-Joseph Godet, Gründer des nach ihm benannten Hauses, auf Wunsch von Marthe Bonnard ein maßgeschneidertes Parfum: Fleurs de Reine. Marthe ist keine gewöhnliche Kundin – sie ist Muse und Ehefrau von Pierre Bonnard, der damals an den intimen Kompositionen arbeitet, die seinen Ruf begründen werden. Der Duft entsteht aus dieser Nähe zwischen Parfümeur und Künstler, aus einem privaten Auftrag und nicht aus einer kommerziellen Strategie.

Tuberose als kostbarer Rohstoff

Fleurs de Reine feiert die Tuberose, eine Blume, die für ihren anspruchsvollen Anbau und die schwierige Extraktion bekannt ist. Godet entscheidet sich für die kalte Enfleurage, eine alte Technik, bei der Duftmoleküle einer frischen Blüte durch direkten Kontakt mit Fett aufgenommen werden, ohne Hitze oder Lösungsmittel – ein langwieriges, kostspieliges Verfahren, das in der Parfumindustrie heute selten ist. Die Wahl dieser Methode für einen privaten Auftrag zeigt, dass Godet olfaktorische Treue über Ausbeute stellte.

Malen, ohne zu malen

Bonnard malte Marthe Hunderte Male, häufig bei ihrer Toilette, im Bad und in jener häuslichen Intimität, die der intimistischen Strömung ihren Namen gab. Das Parfum, das sie trug, malte er nie. Fleurs de Reine nimmt damit einen besonderen Platz in der Ikonografie des Paares ein: ein sinnlicher Gegenstand aus der Zeit der Gemälde, auf ihnen nie dargestellt, der jedoch denselben Raum, denselben Körper und denselben Alltag teilte wie die gemalten Modelle. Die Ausstellung Bonnard intime — Les Toilettes de Marthe, die vom 27. Juni bis 31. Oktober 2026 im Musée Bonnard gezeigt wird, vereint erstmals dieses Parfum mit den Werken, denen es nahe war, ohne je auf ihnen zu erscheinen.

Ein Haus lässt einen Duft wiederauferstehen, kein Bild

2016 belebt Sonia Godet, Urenkelin des Gründers, das Haus neu und formuliert Fleurs de Reine unter Achtung des ursprünglichen Verfahrens neu, mit natürlichen Rohstoffen und lokal in Grasse angebauter Tuberose. Der Ansatz unterscheidet sich von einer klassischen Marketing-Neuauflage: Es geht nicht darum, einen ikonischen Flakon neu herauszubringen, dessen Bild bereits bekannt wäre, sondern einen Duft zu rekonstruieren, der mehr als ein Jahrhundert lang vertraulich blieb und nur durch seine Geschichte, nicht durch kommerzielle Verbreitung bekannt war.

Das Museum als ungewöhnliche Verkaufsstelle

Anlässlich der Ausstellung wird Fleurs de Reine im Musée Bonnard selbst erhältlich sein, neben mehreren historischen Flakons des Hauses, die dem Publikum gezeigt werden. Die Wahl dieses Vertriebswegs – Museum statt Boutique – positioniert das Parfum als Sammlerstück und nicht als gewöhnliches Konsumgut. Wer Fleurs de Reine beim Verlassen der Ausstellung kauft, erwirbt nicht irgendeinen Flakon: Er erwirbt den Gegenstand, der jene Intimität teilte, die er gerade in der Malerei betrachtet hat.

Die Geschichte von Fleurs de Reine wirft eine größere Frage auf: Wie kann ein Parfum ein intimes Leben dort dokumentieren, wo die Malerei endet? Marthe Bonnard wurde unermüdlich gemalt; sie hinterließ hingegen nur eine einzige olfaktorische Spur. Hundertachtzehn Jahre später gibt vielleicht gerade diese Spur am getreuesten wieder, was die Leinwand nicht zeigen konnte.

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