Für Frühjahr/Sommer 2027 nimmt sich die experimentelle Linie von Maison Margiela die stillschweigenden Regeln vor, die jedes Kleidungsstück bestimmen – wo ein Kragen beginnt, wo eine Taille endet – und verschiebt diese Grenzen, statt sie aufzuheben.
Jedes Kleidungsstück trägt, ohne dass es irgendjemand irgendwo aufgeschrieben hätte, eine implizite Gebrauchsanweisung in sich. Ein Hemd liegt auf dem Oberkörper. Ein Rock beginnt an der Taille. Der Ausschnitt umschließt den Hals, die Schulterlinie ruht auf den Schultern. Für Frühjahr/Sommer 2027 hinterfragt MM6 Maison Margiela diese Regeln anhand von Kleidung, die für den Alltag und für Menschen in Bewegung gedacht ist, und stellt die Damen- wie die Herrengarderobe vor dieselbe praktische Frage: Was geschieht, wenn vertraute Dinge anders getragen werden?
In der Damengarderobe wandern die Teile buchstäblich um den Körper. Ein Hemd wird zum Rock, seine Schulterlinie sitzt nun auf den Hüften. Ein Oberteil mit V-Ausschnitt kann unten getragen werden oder ein Oberteil bleiben. Ein Rock verwandelt sich in ein Kleid, die Taillenlinie weit nach oben versetzt. Die Teile werden gefaltet, versetzt und wieder geschlossen, ihre ursprüngliche Konstruktion bleibt sichtbar. Ziel ist nicht, dass ein Hemd aufhört, wie ein Hemd auszusehen, sondern zu sehen, was es sonst noch leisten kann. Mitunter werden zwei Versionen desselben Kleidungsstücks zu einem einzigen Look zusammengefügt; andernorts wandert ein Archetyp einfach an eine andere Körperstelle, mit Einsätzen, wo sie nötig sind. Die vergrößerten Disproportionen von Puppenkleidern bieten einen weiteren Ausgangspunkt, mit vereinfachten Verschlüssen und scheinbar geschrumpften Silhouetten.
In der Herrengarderobe entfaltet sich dieselbe Logik seitlich. Bei den Hemden verschieben sich Kragen und Knopfleisten von der Mitte zur Körperseite. Die Garderobe selbst bleibt schlicht und funktional – Anzüge, Bikerjacken, Hemden, T-Shirts, Hosen –, doch es ändert sich, wo die Dinge beginnen und enden. Auch die Konstruktion ist vereinfacht: reduzierte Verschlüsse, Druckknöpfe, verkleinerte Proportionen und unkomplizierte Materialien machen die Kleidungsstücke leicht an- und auszuziehen und neu zu platzieren. Überfärbungen, Stärkebehandlungen und bemalte Oberflächen in Papieroptik verändern ansonsten vertraute Materialien.
Die Kollektion wird von einer Zusammenarbeit mit Havaianas begleitet, die dasselbe Prinzip auf einen Archetyp anwendet, den Millionen von Menschen tragen: die Zehensandale. Die Zahl Sechs wird hier zu einem Designmechanismus statt zu einer bloßen Zahl – die Sandale teilt sich in Zehen, bekommt einen zusätzlichen Zeh oder vervielfacht sich zu sechs unterschiedlich geformten, übereinandergestapelten Sohlen.
Indem MM6 Maison Margiela Kleidungsstücke verschiebt, statt sie neu zu erfinden, bleibt das Label dem experimentellen Geist treu, der die Linie seit ihrer Gründung auszeichnet: eine praktische Frage vor der konzeptuellen, gestellt an Archetypen, die jeder erkennt, ohne je nach ihren stillschweigenden Regeln zu fragen.




















































































































































































































































































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